Architekturbiennale, Venedig, 2011

hier entsteht


„Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten“ (1) – doch ist die Stadt tatsächlich ein lebenswerter Lebensraum für die gesamte Gesellschaft?

Das Auseinanderdriften von arm und reich und die Agonie der Mittelschicht sind deutlich sichtbar in den steigenden Mieten und Kaufpreisen der attraktiven Stadtlagen einerseits und in der Ghettoisierung von Randlagen andererseits. Projekte werden über Bürgerentscheide ausgehebelt, das Wort vom Wutbürger, der sich gegen Vorhaben auflehnt, macht die Runde: Die Auswirkungen sind im Bewusstsein der Stadtgesellschaft angekommen. Auffällig ist die zunehmenden Anzahl und Radikalisierung von Protesten: Die sicher geglaubten Abläufe der Planung und Realisierung sind auf den Kopf gestellt. Nur ein riskanter Störfaktor oder auch: Eine neue Chance in der Fortschreibung unserer Gesellschaftsordnung?

hier entsteht …widmet sich dem gesamten Spektrum von der dokumentarischen Momentaufnahme der Proteste bis zu beispielhaften Projekten mit selbstinitiiertem, mit Bottom-up-Hintergrund: reconquering the city erzählt auch von den Momenten der Zuversicht, von Aneignungsprozessen, die modellhaft stehen könnten für eine andere Stadtgesellschaft: „Das „Recht auf Stadt“ wird nicht erteilt. (…) Die Stadt gehört allen! Deshalb sollten auch alle die Möglichkeit haben, mitzubestimmen, wie Stadt gestaltet wird. (…) Dies ist der Anfang einer neuen städtischen Bewegung.“ (2)

hier entsteht … steht für den Prozess, die Baustelle, die Formulierung von Zielen und gleichzeitig auch die Ungewissheit des Ausgangs. reconquering the city beschreibt Methoden auch fernab des Konventionellen und außerhalb tradierter Handlungsmuster und Beteiligtenkreise. Als ihre Botschafter werden Grüne Tische sich über das Gelände verteilen, finden täglich Pflanzaktionen in den Giardini statt.

Gezeigt werden neben der Dokumentation von Fakten beispielhafte bottom up Projekte und Initiativen aus den Bereichen Kunst, Architektur, Planung für einen kreativen, innovativen bis auch ironisierenden Umgang mit der sehr ernsten Thematik. Sie sind Beispiele für eine andere Art von Ästhetik, eine andere Perspektive für gesamtheitliche Qualitäten und stellen die tradierte Auffassung von „Schönheit“ bisweilen in Frage.

(1) Hall/Pfeiffer: Urban 21, Stuttgart, München 2000
(2) Netzwerk Recht auf Stadt, http://www.rechtaufstadt.net/netzwerk (10.07.2011)